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Der Kreuzweg am Lindenberg

Ein Gelübde aus schwerer Zeit

Stationenweg Bornheim-Brenig

Dass man das Leiden und Sterben Jesu Christi nicht nur innerhalb der Pfarrkirchen betend nachvollzieht, sondern dies auch unter freiem Himmel tut, hat am Vorgebirge seine gute alte Tradition. Schon das Beten der Sieben Fußfälle, sei es als Fürbitte für einen Verstorbenen oder als Römerfahrt in der Fastenzeit, wird seit Jahrhunderten als Gang durch das Dorf, vorbei an Wegekreuzen und Heiligenhäuschen als Stationen, abgehalten. Für das aus den Sieben Fußfällen hervorgegangene Kreuzweg-Gebet errichtete man in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts den steilen Weg von Bornheim hinauf zur Pfarrkirche in Brenig eigene, mit kunstvoll gestalteten Terrakotta-Platten versehene Stationen, die bis heute liebevoll gepflegt und regelmäßig begangen werden.

Kreuzweg am Lindenberg

Den einzigen modernen Kreuzweg im Freien am Vorgebirge gibt es in unserer Roisdorfer Pfarrgemeinde. Es ist dies der Kreuzweg auf dem Lindenberg, dem alten, das Dorf und das Oberdorf verbindenden Hohlweg. Seine Entstehung verdankt der Kreuzweg einem Gelübde, das die Gemeinde in feierlicher Form im Jahre 1944 ablegte, also in einer Zeit, in der die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg sich für jedermann erkenntlich abzeichnete, man das Schlimmste auch für Roisdorf und seine Bewohner befürchten musste.

Zerstörungen durch Fliegerbomben in der Bachgasse 1943

Bereits in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag 1943 waren erste britische Fliegerbomben auf das Roisdorfer Oberdorf abgeworfen worden, wo sie Anbauten von Wohnhäusern auf dem Donnerstein und in der Bachstraße (der heutigen Berliner Straße) völlig zerstörten. Zwar kamen zunächst keine Menschen zu Tode, doch steigerte sich die Bedrohung im Laufe des Jahres 1943 und vor allem des Jahres 1944 durch immer häufigere Fliegerangriffe, die insbesondere die Roisdorfer Bahnanlagen zum Ziel hatten.

Symbolisches "Heldengrab" für in der Ferne gefallene und begrabene Soldaten in der Pfarrkirche

Während die Städte Köln und Bonn in Trümmer versanken, die Front unaufhörlich näher rückte und immer mehr Familien die Nachricht vom Tod oder der Verwundung ihrer als Soldaten kämpfenden Angehörigen erhielten, suchten viele Roisdorfer Halt und Hoffnung im Gebet und im Besuch der Gottesdienste. Es erscheint bezeichnend, dass Pastor Matthias Ossenbrink in der Pfarrchronik zum 1. November 1944 vermerkte: „Der Kommunionempfang der Gläubigen hat derart zugenommen, dass die erforderliche Zahl der Hostien nicht mehr geliefert werden kann, sondern die Hostien dreigeteilt werden müssen.“

Pastor Matthias Ossenbrink (1892 - 1976)

Angesichts der lebensgefährlichen Lage entschloss sich Pastor Ossenbrink, gemeinsam mit der Pfarrgemeinde ein für alle künftigen Zeiten bindendes Gelübde abzulegen. Dicht mit Gläubigen gefüllt war am 12. November 1944 die Pfarrkirche, als man in der sonntäglichen Andacht gemeinsam folgenden Text betete: „Gott, himmlischer Vater! Du hast gesagt: Rufe zu mir, und ich will dich erhören; ich werde mit dir sein in der Trübsal und dich erretten. Durch unsere Sünden haben wir deine Langmut missbraucht und deinen Zorn auf uns herabgerufen. Nun sind deine gerechten Strafgerichte über uns gekommen und deine Hand liegt schwer auf uns. Unser Flehen kommt aus schuldbeladenem Herzen und ist deiner Erhörung nicht wert. Darum sieh auf unseren Mittler und Versöhner, deinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn und Heiland Jesus Christus, der sich am Kreuze geopfert hat für unsere Sünden. ...

Chor der Pfarrkirche St. Sebastian

... Allmächtiger Gott! Wir bitten dich, hilf uns, dass wir gegen alle Widerwärtigkeiten gesichert werden. Wende alles Schädliche von uns ab und gewähre uns alles Gute. Segne und erhalte unsere Heimat, dass wir nach glücklicher Beendigung des Krieges in Ruhe und Frieden unserer Berufsarbeit nachgehen können. Verleihe, barmherziger Gott, ohne unser Verdienst, um was wir bitten. Wir geloben zum Danke für alle erlangten Wohltaten nach dem Kriege einen Kreuzweg im Freien zu errichten und ihn wöchentlich in der Fastenzeit zu beten. Mögest du durch dieses Gelübde veranlasst werden, unser Flehen zu erhören. Vergiss nicht, dass niemand uns retten kann als du allein, durch Christus unseren Herrn. Amen!“.

Ehrenmal am Lindenberg mit Gedenktafeln für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft

Niemand konnte erwarten, dass damit jegliches weitere Unheil abgewehrt werde. Die Situation verschärfte sich sogar noch Anfang 1945 durch vermehrte Luftangriffe auf Roisdorf, bei denen auch Menschen – Soldaten und Bahnbeamte – zu Tode kamen. Alliierte Tiefflieger nahmen nun auch Zivilpersonen ins Visier. Selbst der Einmarsch der amerikanischen Truppen am 7. März 1945 brachte zunächst kein Ende des Leidens: Sieben Personen kamen in den folgenden Tagen in Roisdorf ums Leben, darunter ein siebenjähriger Junge – nur waren es jetzt deutsche Flak und deutsche Flieger, die Tod und Schrecken verbreiteten. Insgesamt hatte Roisdorf im Zweiten Weltkrieg 133 Gefallene und Vermisste sowie zehn durch Kriegseinwirkung umgekommene Zivilpersonen zu beklagen.

Fronleichnamsprozession in der Nachkriegszeit

Immerhin: Roisdorf war der völligen Zerstörung entgangen, man konnte bald daran gehen, das private und öffentliche Leben, zu reorganisieren, wenn dies angesichts der Nachkriegsbedingungen auch überaus beschwerlich und entbehrungsreich war. Das kirchliche Leben blühte erstaunlich rasch wieder auf. Noch im Frühjahr 1945 holte man die aus Sorge vor der Zerstörung oder vor der Vereinnahmung durch die Behörden versteckten kirchlichen Geräte wieder hervor, brachte man die von den Nationalsozialisten aus den Schulräumen verbannten Kreuze wieder an, eröffnete man feierlich den Religionsunterricht in der Schule sowie den Katholischen Kindergarten. Am 31. Mai ging erstmals wieder seit 1941 die Fronleichnamprozession durch das Dorf. „Die Straßen sind vorbildlich geschmückt, besonders mit Fähnchen, die im Dritten Reich nicht aufgestellt werden durften. Die Beteiligung an der Prozession insbesondere seitens der Männer ist sehr gut“, notierte damals Pastor Ossenbrink.

Provisorischer Kreuzweg auf dem Lindenberg, 1950er Jahre

Das Gelübde vom 12. November 1944 hatte man nicht vergessen: Am Freitag, dem 1. Juli 1945, segnete der Franziskanerpater Epiphanius Marx nach einer gut besuchten Predigt in der Pfarrkirche die – zunächst aus hölzernen Bahnschwellen errichteten – Kreuzwegstationen auf dem Lindenberg ein, einen „provisorischen Kreuzweg, der ex voto errichtet worden ist und baldmöglichst durch einen solchen in Stein ersetzt werden soll“, wie die Pfarrchronik vermerkt. Immerhin achtete man auch bei den vorläufigen Stationen auf eine künstlerisch ansprechende Gestaltung. So befestigte man an den Holzschwellen gerahmte farbige Holzschnitte des Kreuzwegs, gefertigt von der renommierten Münchner Künstlerin Ruth Schaumann (1899 - 1975) – sie sind heute noch im Pfarrarchiv erhalten.

Segnender Christus am Alfter/Roisdorfer Friedensweg

Eine gewisse Parallele zu der Errichtung des Roisdorfer Kreuzweges stellt die im gleichen Jahr vorgenommene Einweihung des "Segnenden Christus" dar, einer steinernen Statue, die auf der Grenze zwischen Roisdorf und Alfter, unterhalb des späteren Heimatblicks, als private Aktion des Alfterers Wilhelm Maucher errichtet wurde und gleichfalls als dank für die Errettung des Ortes aus Kriegsnöten gedacht war. Ein steiler "Friedensweg", bestückt mit Inschriftensteinen, die politische Appelle des "Vorgebirgsrebells" Maucher aufweisen, führt heute zu der Christusstatue hinauf.

Grabmal auf dem Roisdorfer Friedhof, gestaltet von Jakobus Linden

Die Statue wurde von Jakobus Linden gestaltet, einem bekannten Bildhauer aus Bonn-Poppelsdorf. Zu seinen Werken zählt z.B. die Plastik „Mädchen mit Schale“, die heute die Bonner Gangolfstraße ziert oder auch auf dem Roisdorfer Friedhof das Grabmal der Familie Schaden mit seiner eindrucksvollen Christusdarstellung. Mit Linden nahm damals auch die Roisdorfer Kirchengemeinde Verbindung auf.

Kreuztragender Christus

Im November 1946 konnte Pastor Ossenbrink den Mitgliedern des Kirchenvorstands berichten, dass Bildhauer Linden in Kürze mit der Anfertigung der steinernen Kreuzwegstationen beginnen werde. Indes gingen die Arbeiten nicht nur wegen der offenbar schwierigen Verhandlungen mit dem Bildhauer schleppend voran, sondern auch wegen fehlender Geldmittel der Gemeinde. Unglücklicherweise verstarb Bildhauer Linden bereits 1950. Man beabsichtigte, die drei zu diesem Zeitpunkt fertiggestellten Stationen nach Roisdorf zu holen und sie dort an geeignetem Ort aufzustellen, doch unterblieb dies aus unbekannten Gründen. In Roisdorf verblieb nur ein - heute verschollenes - Probestück eines kreuztragenden Chrstus.

"Jesus stirbt am Kreuz", Holzschnitt von Ruth Schaumann

Im Jahre 1956 wurde das Projekt wieder aufgenommen. Der Kirchenvorstand beschloss, dass die Stationen für den Kreuzweg gemäß den verfügbaren finanziellen Mitteln nach und nach erneuert werden sollten. Erst drei Jahre später jedoch konnte Pastor Ossenbrink mitteilen, dass das Geld für die Anfertigung von zwölf Stationen vorhanden, der Rest durch Spenden sichergestellt sei.

Bildhauer Alois Wyrobek 1963

Man einigte sich auf einen Entwurf für die Stationen, den Alois Wyrobek (19112-2006) gefertigt hatte, ein aus dem oberschlesischen Ratibor stammender Bildhauer, der seine Ausbildung in einer Kunstschule im Riesengebirge erhalten hatte und nach dem Krieg in Köln-Mülheim eine auch heute noch florierende Steinmetzwerkstatt begründete. Den Entwurf legte man zur Prüfung dem Erzbischöflichen Generalvikariat vor, das sich indes hiermit nicht begnügte, sondern auf einer Probestation im Maßstab 1:1 bestand, deren Anfertigung erneute Verzögerungen mit sich bringen sollte. Endlich lag Anfang 1961 die Genehmigung des Generalvikariats vor. Die in Roisdorf lagernden Steine, von der unvollendeten Arbeit des Bildhauers Linden stammend, wurden nach Mülheim abtransportiert.

"Jesus begegnet den Frauen"

Ein Jahr später war es dann schließlich so weit: „Heute, Karfreitag, (20.4.1962) betete die Gemeinde zum 1. Male den Kreuzweg auf dem Lindenberg, den sie am 12.11.1944 feierlich in der Kirche gelobt hatte. Die Stationen wurden am 17.4.62 von Bildhauer Alois Wyrobek in Köln-Mülheim, der die Stationsbilder entworfen und ausgeführt hat, nach Genehmigung durch das Erzbischöfliche Generalvikariat in Köln, auf dem Lindenberg aufgestellt und am 19.4. von P. Herm. Josef Lauter OFM vom Kreuzberg in Bonn gesegnet.“

"Jesus stirbt am Kreuz"

Wenn auch nicht wöchentlich in der Fastenzeit, so doch an jedem Vormittag des Karfreitag um 11.00 Uhr, zieht die Roisdorfer Pfarrgemeinde seither betend den Kreuzweg des Lindenberg hinauf. Die schlichte Stelen aus behauener Basaltlava mit ihren klaren und ausdrucksstarken Reliefdarstellungen sind den Roisdorfern seither ans Herz gewachsen. Obwohl in den vergangenen Jahren immer wieder durch jugendlichen Vandalismus beeinträchtigt, haben sie in den vierzig Jahren seit ihrer Aufstellung doch keinen nennenswerten Schaden genommen. Zwar veranlassen sie auch außerhalb der Fastenzeit jeden den Hohlweg Hinauf- und Hinabgehenden zur einer stillen Betrachtung der Passion Christi, doch ist und bleibt ihr eigentlicher Zweck das Beten des Kreuzwegs, wie ihn unsere Gemeinde in schwerer Zeit gelobt hat.

Kreuzweg an Karfreitag, 2012

Dafür, dass in der Tat unsere Heimat erhalten blieb und man seit dem Ende des Krieges wieder in Ruhe und Frieden seiner Arbeit nachgehen kann, sollten wir uns durch das karfreitägliche Kreuzweg-Gebet auf dem Lindenberg auch in Zukunft dankbar zeigen.