Kalender 2026
"Roisdorf wie es war"
Titelbild
Ganz Roisdorf war beflaggt, als am 2. Januar 1901 in feierlich der 25. Jubiläumstag der Übernahme der Pacht des Roisdorfer Mineralbrunnens durch Wilhelm Custor, Besitzer eines Kölner Mineralwassergeschäftes, im Jahre 1876, vor nunmehr genau 150 Jahren, begangen wurde. Zurecht stolz konnte man darauf sein, den als verwahrlost beschriebenen Brunnen technisch erneuert, das Wasser wieder erfolgreich auf dem Markt platziert zu haben. Vertreter von lokaler Geistlichkeit und Kommunalpolitik waren bei dem Festakt ebenso anwesend wie Verwandte, Geschäfts-freunde und die gesamte Belegschaft. Nach einem feierlichen Leviten-Hochamt gab es in der „Germaniahalle“ des Gastwirts Weber ein großes Festessen, Reden, Toaste und Gesänge, nach einer Besichtigung der Brunnenanlagen dann „Hähringsalat“ als Nachtisch und ein lustiges Beisammensein bis zu nächtlicher Stunde. Wilhelm Custor stiftete bei dieser Gelegenheit 25.000 Mark für das Wohl seiner Arbeiter und 10.000 Mark für eine öffentliche Grabkapelle auf dem Kirchhof. Abgebildet ist hier das Titelbild der damaligen Festschrift, in der in 12 Fotografien detail-genau die fortschrittliche Abfüllung und der Versand des Roisdorfer Mineralwassers zu Zeit Custors festgehalten wird, inzwischen begehrte Zeugnisse der Industriefotografie jener Zeit.
Januar
Genau 150 Jahre ist es ebenfalls her, dass das Kirchenschiff der 1980 abgebrochenen Pfarrkirche St. Sebastian geweiht wurde, von der heute noch die, allerdings jüngere, monumentale Dreiturmanlage erhalten ist. Gestaltet wurde das Kirchenschiff von dem prominenten Kölner Baumeister Heinrich Nagelschmidt. Hier ein Blick in den Chor der Pfarrkirche mit dem prächtigen, im neuromanischen Stil gehaltenen, goldgefassten Hochaltar, bekrönt mit einer Gruppe mit dem gekreuzigten Christus, seiner Mutter Maria und dem Lieblingsjünger Johannes, geschmückt zudem mit Statuen des Pfarrpatrons Sebastian und des hl. Papstes Fabian, der wie dieser am 20. Januar sein Fest hat. Die Statuen, die von dem Bildhauer Wilhelm Dahlmanns 1890 in Saeffelen gefertigt wurden, sind bis heute in der neuen Pfarrkirche zu sehen. Hoch in der Apsis ein Fresko des durch seinen Blick den Besucher der Kirche fesselnden Christus als Weltenherrscher, das als Vorbild den Pantokrator der Abteikirche von Maria Laach hatte und später eingefügt wurde „Ecce vobiscum sum usque ad consummationem mundi.“ – „Seht, ich bin bei euch bis zum Ende der Welt“, lautet die darunter befindliche Inschrift, ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium.
Februar
Bis heute ist es für Kinder eine großartige Sache, sich zum Fastelovend phantasievoll zu verkleiden, wobei man sich in früheren Zeiten nicht wie heute vielfach in großen Karnevals-Warenhäusern bedient konnte, sondern die Mütter in liebevoller Arbeit in den Wochen zuvor aus alten Kleidern und Stoffen die Kostüme, den Wünschen der Kinder entsprechend an der Nähmaschine anfertigten, wobei man sich oft an Märchenfiguren, Clowns oder auch, wie hier in den 1960er Jahren, an Vorbilder aus den Westernfilmen – sogar unbefangen den heute verpönten „Indianern“ – sowie Cowboys anlehnte. Letzteres war nicht nur den Jungen vorbehalten, sondern es gab, wie auf unserem Bild zu sehen, sogar mutige Mädchen, die sich so verkleideten. Die abgebildete bunte Gruppe von befreundeten Klassenkamerad(inn)en, bestehend aus Ernst Gierlich als Scheich, Ferdi Pütz als Clown und seinem Bruder Willi als Mexikaner mit obligatorischer Pritsche, Waltraud Kremer als Rotkäppchen und Doris Dierdorf als Cowgirl, wurde auf dem Weg zum Roisdorfer Wieverfastelovendszoch in der Brunnenstraße von einem Fotografen des Bonner General-Anzeigers aufgenommen.
März
Touristen, die im 19. Jahrhundert den Rhein entlang reisten, pflegten sich mit langen, aufklappbaren Karten über dessen Verlauf und die Orte und Sehenswürdigkeiten rechts und links des Ufers zu informieren. Solche Karten fertigte der Frankfurter Verlag von Friedrich Wilhelm Delkeskamp an. Es war eine schwierige Aufgabe für dessen Mitarbeiter, die Orte und Landschaften aus der gewünschten Vogelperspektive möglichst korrekt und einladend abzubilden. Natürlich gehörte auch der Abschnitt des Rheins zwischen Köln und Bonn samt dem Vorgebirge hinzu – und damit auch Roisdorf, das wegen seines „Gesundbrunnens“ besonders markiert wurde. Straßen und Gebäude sind schematisch und unvollständig dargestellt, aber die Struktur des Ortes ist korrekt und gut erkennen. Von den Gebäuden am detailliertesten: Die Wolfsburg, was nicht verwundert, war diese doch zu dieser Zeit eine bei Rheinreisenden beliebte Ausflugsgast-stätte. Wichtig für uns auch die zwar ungenaue, aber einzige Darstellung der alten Kapelle St. Sebastian in der Dorfmitte.
April
Es leuchtete einem mitsamt dem in jedem Frühling aufblühenden prächtigen Magnolienbaum geradezu entgegen, wenn man sich aus dem Ehrental oder von der Siegesstraße direkt auf es zu bewegte: das direkt neben der Pfarrkirche St. Sebastian in den 1890er Jahren errichtete Pastorat, ein geschmackvoller, aus gelben und roten Ziegeln errichteter Bau, die Wohnung des jeweiligen Roisdorfer Seelsorgers, erstmals genutzt von Pfarrer Joseph Heilgers, zuletzt von Pfarrer Leonhard Bleikertz. Als unser Bild 1970 aufgenommen wurde, gab es bereits die Pläne für das neue Pfarrzentrum samt Kirche, Pastorat, Küsterhaus und Pfarrheim auf dem Gelände des vormaligen Clarenhofs, womit das Pastorat überflüssig und im Interesse einer verkehrsgünstigeren Gestaltung der vor ihm gelegenen Straßenkreuzung für den Abbruch bestimmt wurde. Viele Roisdorfer erinnern sich noch gerne an die im Pastorat betriebene kirchliche Jugendarbeit. Hier waren auch etwa die Anfänge der K.G. Vorgebirgssterne. Nicht zuletzt gab es hier aber auch den im Keller befindlichen, vom Pastor durchaus nicht unbedingt gern gesehenen, weil schummerigen „Old Stone Club“.
Mai
In trachtenähnlicher Kleidung präsentieren sich Roisdorfer Mädchen und Jungen fröhlich auf unserem Bild. Doch der unbeschwerte Eindruck täuscht. Was hier nicht zu sehen ist – da für diesen Kalender unkenntlich gemacht – sind Fähnchen mit dem Hakenkreuzsymbol, die die Jugendlichen in den Händen halten. Es handelt sich nämlich um eine Gruppe der Roisdorfer Hitlerjugend, die am 1. Mai 1935, dem „Tag der nationalen Arbeit“, mit ihrem Gesang und Tanz die aufwendige nationalsozialistische Parteiversammlung begleiteten, die man auf dem Gelände der Roisdorfer Fabrik Gammersbach, auf einem eigens einge-richteten sog. „Thingplatz“ veranstaltete. Die Nationalsozialisten unter-nahmen es auch in Roisdorf geschickt, mit Spielen, Abenteuern und körperlicher Ertüchtigung die Jugend zu für ihre Ideologie zu begeistern, gleichzeitig versuchte man, die Jugendarbeit der Kirche und der Vereine, die sich in den 1920er Jahren stark entwickelt hatte, zu unterbinden. So sollte im folgenden Jahr 1936 mit einem feierlichen Aufmarsch ein eigenes „Staatsjugendheim“ auf dem heutigen Schützenplatz für die Aktivitäten der Hitlerjugend eröffnet werden.
Juni
Dicht bebaut präsentierte sich in den 1920 Jahren auf dieser (kolorierten) Ansichtskarte die Roisdorfer Brunnenstraße. Der Blick geht von der Einmündung der Brunnenallee in Richtung Pfarrkirche. Viel der Gebäude, Steinhäuser des 19. Jahrhunderts, aber vor allem die alten Fachwerkbauten, Bauernhöfe und Tagelöhnerhäuser, sind inzwischen verschwunden bzw. durch neue Bebauung ersetzt. Natürlich diente die Ansichtskarte der Werbung für den Roisdorfer Mineralbrunnen bzw. für den Besuch der am linken Rand der Aufnahme erkennbaren Gaststätte „Germania“ von H. Weber, die mit einem gemütlichen Gartenlokal und einem stattlichen Festsaal (später Saal Badenheuer) die das Vorgebirge, nicht zuletzt zur Zeit der Baumblüte, gerne Besuchenden, einlud. Die Roisdorfer Brunnen-straße, eng bebaut, war „et Dörp“ an sich und kann als Ursprung und Kern des Ortes gelten, hatte man sich dort beim Mineralbrunnen angesiedelt, an diesen schon zur Römerzeit genutzten Weg, unterhalb des steilen Vorgebirgshangs gelegen und auf der anderen Seite durch das sumpfige „Lüüsch“ geschützt. Die Bezeichnung „Borngasse“, also die bis heute im Volksmund immer noch geläufige „Buënjass“, findet sich erstmals bereits im Jahre 1529.
Juli
Der Roisdorfer Klaus Ludwig galt als Deutschlands erfolgreichster Tourenwagenfahrer und wurde deswegen sogar als „König Ludwig“ bezeichnet. Klar, dass sich in den 1970er Jahren ein Kreis der „Rennsportfreunde Roisdorf“ bildete, der ihn alljährlich beim „Großen Preis von Deutschland“ am Nürburgring anfeuerte. Für die Touren, an denen manchmal bis zu 30 Jungs aus Roisdorf und Umgebung teilnahmen, hatte Willi Keller extra ein großes Zelt selber gebaut, und man genoss etwa den Spießbraten, den Heribert Eich als Koch perfekt zubereitete, sowie natürlich auch das leckere Kölsch, von dem man hoffentlich ausreichende Vorräte mitgenommen hatte. Die inzwischen älteren Herren, ein paar der Abgebildeten sind leider schon nicht mehr unter uns, erinnern sich noch heute gerne an die unbeschwerten geselligen Jugendzeiten in der Eifel.
August
Ein idyllisches Bild, wie es vor einigen Jahrzehnten in den Höfen hinter den Roisdorfer Häusern in jedem Sommer selbstverständlich anzutreffen war. Die Frau des Hauses, in diesem Fall ist es Klara Giesen, geb. Kuhl, in der Bonner Straße, ist, mit den obligatorischen „Hauskittel“ geschützt, damit beschäftigt, „Obs“ (Obst) „ze kierne“ (zu entkernen). Hier sind es wohl Mirabellen, die dann in Weck-Gläsern „eingemacht“ und im Keller wohlverwahrt werden sollen, damit die Familie auch in den winterlichen Monaten leckeren Nachtisch oder Obstkuchen genießen konnte. „Erbele“ (Erdbeeren), ein paar Sträucher „Jansdruuve“ (Johannisbeeren) oder „Krükele“ (Stachelbeeren), oder aber Bäume von „Peasche“ (Pfirsichen) der Sorte „Kernechte vom Vorgebirge“ und Bäume von „Birre“ (Birnen) der ebenfalls aus dem Vorgebirge stammenden Sorte „Köstliche von Charneux“ hatte jeder im Garten hinter seinem Haus oder gar in einem im Roisdorfer „Feld“ jenseits der Bahn liegenden „Öertche“, das, auch wenn die Familie keine Landwirtschaft mehr betrieb, man fleißig bewirtschaftete, etwa in jedem Frühjahr mit „Pohl“ (Jauche) düngte.
September
Eine schöne rheinische Tradition: Das Fähndelschwenken zum Auftakt der Großkirmes. Was heute alljährlich im Anschluss an das Kirmeshochamt am Sonntag vor dem Ehrenmal am Lindenberg, nach der Kranznieder-legung am Ehrenmal und vor dem Tanz des Paias mit seiner Frau, vorzugsweise der jeweilig amtierenden Karnevalsprinzessin, erfolgt, vollzog sich noch bis in die 1960er Jahre direkt vor dem Pastorat neben der Pfarrkirche St. Sebastian, und es war und ist immer noch ein Anziehungspunkt für das ganze Dorf. Begleitet vom Fähndelschwenklied schwenkt ein Mitglied des Junggesellen-Vereins, bzw. heute dankenswerterweise in dessen Tradition des Roisdorfer Maiclubs, die Fahne. Damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, war der erste Fähndelschwenker Cronenbergs Johann vom „Buëneplatz“, der dies auch danach, dann unterstützt von seinem Sohn Franz-Josef, weiterführte.
Oktober
Zwischen 1920 und 2004 brachten die Landwirte des Vorgebirges, oft nebenerwerbliche Kleinbauern, ihre Produkte, in größeren und in kleineren Mengen auf den Anhängern von Traktoren aber auch einfachen Holdern oder Handkarren zur Roisdorfer „Kreis Obst und Gemüseversteigerung der Genossenschaft Vorgebirge“ bzw. „Centralmarkt Roisdorf“. Es war dies die im 20. Jahrhundert größte Einrichtung ihrer Art in Deutschland. Dort präsentierten die Landwirte ihre Waren den anwesenden Händlern. Spannend ging es ab 1929 dann zu, wenn der Zeiger der „elektrischen Uhr“ langsam, aber stetig einen niedrigeren Preis für das angebotene Obst und Gemüse anzeigte und die Händler den besonderen Moment zum Stoppen der Uhr abpassten. Man konnte als Landwirt nur mitfiebern und hoffen, einen angemessenen Verkaufspreis für seine Waren zu erzielen. Inzwischen sind es vor allem Kühllaster, die bei dem Vermarkter „Landgard Obst und Gemüse e.G. (Roisdorf)“ ihre Waren anliefern. Alle ehemaligen rheinischen Versteigerungen (außer Krefeld) sind dort unter einem Dach vereinigt. Die Roisdorfer Auktionshalle wird nicht mehr genutzt. Heute laufen dort viele Telefonate, um Beeren, Äpfel und Co. von der Landwirtschaft in die Supermärkte der Region zu bringen.
November
Die Goldene oder gar Diamantene Hochzeit eines Ehepaares war bis vor etwa 15 Jahren noch ein Ereignis, das im ganzen Dorf Beachtung fand und das man selbstverständlich mit einem Fackelzug zum Haus der Jubilare beging, einem Zug, den der Ortsausschuss mit den Ortsvereinen und entsprechender musikalische Begleitung organisierte. Vor dem Haus gab es dann feierliche Glückwunschansprachen und einen Umtrunk für alle Beteiligten. Leider ist diese schöne Tradition inzwischen gänzlich verschwunden, es bleibt, aber auch nur, falls gewünscht bzw. die geschützten Daten ihn erreichen, bei einem Gratulationsbesuch des Ortsvorstehers. Damals jedoch war es auch selbstverständlich, dass die Nachbarschaft das Haus der Jubilare zuvor festlich schmückte, indem man wenigstens den Eingang mit einem mit goldgelben Papierröschen besteckten Kranz aus Tannenzweigen umrahmte, manchmal sogar das Erdgeschoss des Hauses damit schmückte oder wie hier, vor dem Haus des Jubelpaars Keulen in der Brunnenstraße, einen ganzen Pavillon samt Fronleichnamsfähnchen errichtete, diesen auch noch auszeichnete mit einem Herzen und einer mit Goldröschen umkleideten Krone. Was für ein schönes Zeichen der Wertschätzung der betagten Dorfbewohner!
Dezember
Der Besuch des hl. Nikolaus an Vorabend von dessen Fest, also am 5. Dezember, war für ein Roisdorfer Kleinkind jener Zeit stets mit mulmigen Gefühlen verbunden: Zum einen freute man sich auf den Besuch vom „Hellije Mann“ zuhause und auf die von ihm mitgebrachten Süßigkeiten und die Weckmänner, die nicht nur St. Martin vorbehalten waren, aber man hatte auch ernsthafte Sorgen, dass der ihn begleitende düstere „Hans Muff“ einen, falls man nicht artig genug gewesen war, in den Sack stecken könne. Im Katholischen Kindergarten kursierte gar der Bericht von jemandem, der behauptete, im Sack mitgenommen worden zu sein, sich dann aber mit Hilfe eines Taschenmessers befreit zu haben. Gleich-wohl ging immer alles gut aus, und der hl. Nikolaus beschenkte die Kinder auch noch im Kindergarten bzw. auf unserem Bild bei dessen Adventsfeier im Saale Badenheuer. Hier war es kein geringerer als der langjährige Rektor der Roisdorfer Volkschule, Josef Görtz, der, in prachtvolle Messgewänder aus der Sakristei gekleidet, auf der Bühne die braven Kinder, die ihn zuvor mit Liedern begrüßt hatten, mit allerhand Leckereien bedachte.












